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Ihre Auswahl: Schütz-Werke-Verzeichnis 7

Übersetzung

Lächelt die Frühlingssonne,
wandelt die schöne Cloris,
horcht auf den Ruf des Schwälbchens,
freut sich an Gras und Blumen.
Doch du, Cloris, prangst holder
als die verjüngten Auen.
Kehr dich zu alten Winter,
ach, gürtest du dein Herz mit Eis auf ewig.
Warum, Nymphe so schön,
grausam von Willen,
trägst du im Aug die Sonn,
im Sinn Aprilen?
 
Übersetzung: Hans Joachim Moser, NGA 22
Sound

Songauszug

Entstehung

Titelblatt  [Bild vergrößern][Bild vergrößern]

Heinrich Schütz, der seine schulische und musikalische Ausbildung am Collegium Mauritianum in Kassel abgeschlossen hatte, schrieb sich 1608 in die Matrikel der juristischen Fakultät an der Marburger Universität ein. Dort besuchte ihn 1609 Landgraf Moritz von Hessen, der ihm eine Unterbrechung der Studien vorschlug, um ihm, seinem Schützling, einen zweijährigen Studienaufenthalt in Venedig bei Giovanni Gabrieli vorzuschlagen. Bei ihm sollte er sein „musikalisches Handwerk“ erlernen. Jegliche Kosten wollte der Landgraf tragen. Diesem Angebot konnte Heinrich Schütz nicht widerstehen und reiste 1609 in die Lagunenstadt.

Giovanni Gabrieli (1557 - 1612) galt als einer der bedeutendsten Musiker seiner Zeit und war ein gefragter Lehrer für viele nordeuropäische Schüler: neben Pedersøn, Hassler, Klemsee und Grabbe auch Heinrich Schütz zwischen 1609 und 1612. Er, der Neffe von Andrea Gabrieli, folgte nach dem Ausscheiden Merulos als 1. Organist an der Markuskirche zu Venedig. Entsprechend nachempfunden den architektonischen Gegebenheiten in der Basilika San Marco - vier Emporen -, schuf er eine neue Kunst des Klanges, die Cori Spezzati: bis zu vier Chöre waren auf den Emporen verteilt und wurden möglicherweise noch durch eine Instrumentalgruppe verstärkt. Gabrielis Musik ist im Sinne der niederländischen Polyphonie der Wortausdeutung verpflichtet und diesem Ziel dienen alle Mittel.

Sein musikalisches „Gesellenstück“ legte Heinrich Schütz nach zweijährigem Studium bei Giovanni Gabrieli am 1. Mai 1611 gedruckt vor: Neunzehn italienischen Madrigale. Schütz widmete die Madrigale in großer Dankbarkeit seinem Gönner Landgraf Moritz von Hessen. In seiner Vorrede zum Druckband schrieb Schütz: Sie haben mir den Anstoß gegeben, nach Italien zu gehen und mich in jene Woge zu stürzen, die ganz Italien mit höherem Rauschen als jede andere dahin reißt, so daß sie der Harmonie des Himmels ähnelt - ich meine den hochberühmten Gabrieli, der mich zum Teilhaber des Goldes seiner Küste gemacht hat. . .

Bereits Ende 1610 bat Heinrich Schütz den in Venedig weilenden Markgrafen Sigismund von Brandenburg, beim Landgrafen in Kassel eine Verlängerung des Stipendiums zu erwirken. Aus „Dank“ für die kompositorisch, qualitativ hohe Madrigalsammlung verlängerte der Landgraf das Stipendium um ein weiteres Jahr. Nach dem Tode Gabrielis verweilte Schütz noch einige Monate in Venedig und kehrte erst im Frühjahr 1613 nach Deutschland zurück.

Das Opus primum setzt sich aus 18 fünfstimmige und einem doppelchörigen (zu je 4 Stimmen) Madrigal zusammen. Der Text des letzten Madrigals stammt wahrscheinlich aus der Feder von Heinrich Schütz und beschreibt die Generosität und die musikalische Kompetenz des Landgrafen Moritz von Hessen.

Analyse

Mit dem Aufenthalt in Venedig kam der 24jährige Schütz nicht nur in eine weltoffene Stadt, sondern auch mit der Kunst, Kultur und italienischen Sprache in Berührung. Die ästhetische Forderung, die Musik solle so genau wie möglich das vertonte Wort nachbilden, begegnete ihm erstmals in der Lagunenstadt. Dieser prägenden Kompositionsweise blieb Schütz in seinem weiteren kompositorischen Schaffen treu. Das Probierfeld für derartige Neuerungen stellte in dem Falle die weltliche Vokalmusik dar, speziell das kunstvoll gesetzte fünfstimmige Madrigal. Der Lehrmeister Gabrieli veranlasste seine Schüler, als „Beleg“ für ihren Studienaufenthalt, eine Sammlung von vollstimmigen polyphonen Madrigalen ohne Generalbass zu komponieren.

Mit seinen Madrigalen lernte Schütz nicht nur den polyphonen Satz, sondern vor allem Textgestalt und Textinhalt mit einer adäquaten Musik zu verbinden - somit den Worten und Stimmungen musikalisch nachzuspüren, ohne dass die Komposition in zusammenhangslose Einzelelemente auseinanderbricht.

Das von den venezianischen Meistern hochgelobte Il primo Libro De Madrigali Di Henrico Sagittario Allemanno umfaßt 19 Einzelwerke. (Auch wenn diese Sammlung „primo libro“ betitelt wurde, folgte nie ein zweiter Band.)

Dem literarischen Geschmack der Zeit folgend, entnahm er die Texte der Madrigale 1-3, 5, 11 und 15 dem damals berühmten Hirtendrama Il Pastor fido von Battista Guarini; die der Madrigale 4, 7-9, 12-14 und 16-18 sind vom Dichter Giambattista Marino original bezeichnet als Madrigali e Canzoni. Der Text von Nr. 6 stammt von Alessandro Aligieri und der von Nr. 10 von einem anonymen Dichter. Die Texte aus dem Guarini’schen Schäferstück und aus den „Rime“ Marinos stehen in keinem inhaltlichen Bezug zueinander. Schütz stellte sie, so Gregor-Dellin, zu einem Zyklus von Liebe, Lenz, Leidenschaft, Schmerz und Tod, Liebesbitterkeit und Todessüße zusammen.

Die Madrigale 1 bis 18 sind fünfstimmig; das 19. Vasto mar fällt aus dem Rahmen, nicht nur, weil der Text wahrscheinlich von Schütz selbst verfasst wurde, sondern auch deshalb, weil es alle bisherigen Versuche innerhalb der Klasse von Gabrieli in den Schatten stellt. Es handelt sich dabei um eine achtstimmige doppelchörige Komposition. Alfred Einstein schrieb: Es gibt kaum ein kühneres, weniger schulmäßiges, charakteristischeres Werk von Schütz. Gerade das Moderato des Ausdrucks ist verpönt, das Exzessive, Überschwangvolle zum Prinzip erhoben; das sprengende Gefühl bedient sich der stärksten, freiesten Mittel der Deklamation, des Motivkontrastes, der Harmonik: ein unmittelbares Vorbild, […], ist kaum nachzuweisen - diese Stücke sind gestalteter, weniger spielerisch, verwoben, tiefer als alles Italienische. (Gregor-Dellin, M.: S. 74f.)

Schütz’ Meisterschaft der deklamatorischen Textausdeutung und sein Gestaltungsvermögen nehmen im Opus primum ihren Anfang. Nicht allein auf die Ton- und Affektmalerei beschränkt zeigen die Stücke einen ungeheure Dramatik gepaart mit melodischem Reichtum.

Rezeption

Noch Hans Joachim Moser schrieb in seinem Vorwort zum Gesamtausgaben-Band der Schützschen Italienischen Madrigale, daß diese Stücke bislang zu seinen am wenigsten gekannten und musizierten Werken gehörten. Weiterhin glaubt er, dies läge am Fehlen eines singbaren deutschen Textes und hoffte; nun diesen Mangel gesteuert zu haben. Mittlerweile kann anhand der bis dato veröffentlichten CDs, stets in der Originalsprache aufgeführt bzw. eingespielt, die Bedenken widerlegt werden.

originale Widmung

Kein Inhalt vorhanden.

übersetzte Widmung

Kein Inhalt vorhanden.

Widmungsträger

Widmungsträger  [Bild vergrößern][Bild vergrößern]

Landgraf Moritz von Hessen-Kassel (25. Mai 1572 Kassel - 15. März 1632 Eschwege) übernahm 20jährig nach dem Tod seines Vaters, Wilhelms IV., die Regierungsgeschäfte. 1598 gründete er eine Hofschule, das Collegium Mauritianum, in der er außer den Söhnen des Hochadels auch Kapellknaben - meist Stipendiaten - sorgfältig erziehen ließ. Ein weiteres Verdienst war die Etablierung des ersten festen Theaters Deutschlands. 1627 dankte er ab und wählte als ständigen Wohnsitz Eschwege.

Landgraf Moritz von Hessen spielte im Leben von Heinrich Schütz eine entscheidende Rolle: Er entdeckte den Knaben, als er ihn auf der Durchreise nach Dresden im Gasthof Zum Goldenen Ring in Weißenfels singen hörte. Nach beharrlichem Briefwechsel mit den Eltern erlaubten sie ihrem Sohn die Reise nach Kassel, wo Heinrich Schütz eine umfassende Schulbildung am Kasseler Collegium Maritianum erhielt. Mit diesem Schritt vollzog sich eine Wende im Leben des Knaben. Ein zweites Mal stellte der Landgraf die Weichen für Schütz: Er schickte ihn nach Venedig, um bei Giovanni Gabrieli Orgel und Komposition zu studieren.

originale Vorrede

AL SERENISSIMO
PRENCIPE E SIGNORE
II. SIGNOR MAVRITIO LANDGRAVIO
D’Hassia, Conte in Catzenelenbogen, Dietz, Ziegenhain
E Nidda, &c.


Prencipe è Signore mio clementissimo.

EVN Mare V. A. Serenissima, non so se piu mi dica di virtù, che di munificenza, ben degna di tanto Prencipe, qual mi sforzò cantarla. Bastami di conoscerla per tale, quando la veggo adaquar la terra del suo Altissimo nome, mentre per tutte le parti del mondo và spargendo felici fiumi, perche à lei se ne ritornino deuoti tributarij di quella qualità che da loro aluei apprender sogliono, tra quali beato mi chiamo esser numerato anch’io tanto piu, che dalla sua corte, oue da teneri anni per sua clemenza benignamente fui enodrito, emmi toccato vscir per l’Italia in particolare, e quiui mescolarmi a quell’onda, che tutta l’Italia, con mormorio più d’ogni altro simile all’Armonia Celeste và illustrando, qual è il famosissimo Gabrieli, che m’ha fatto partecipe dell’oro delle sue sponde, si ricche in questa qualità di studij, che né al Tago, né al Pattolo inuidiar certo ponno. Non isdegni dunque V. A. Serenissima picciol tributo di gratitudine, ma grande di affetto in questi miei primi Madrigali, quali le offero con deliberatissimo animo, di sboccar nel suo Mare vn giorno, (che Dio mi concedi la gratia) non come priuato fiume, mà come Oceano di deuotione, che s’accozzi con la profondità della regia sua cortesia, alla quale per fine dedico e consacro tutto me stesso.

Di Vinetia il di primo di Maggio. 1611.
Di V. A. Serenissima
Deuotissimo, & Obligatissimo seruitore
Henrico Sagittario.

Vasto MAR, nel cui seno
Fan soaue armonia
D’Altezza, e di Virtù, concordi venti,
Questi deuoti accenti
T’offre la Musa mia
Tu Gran Mauritio lor gradisci, e in tanto
Farai di rozo armonioso’l canto.

[in: Erich H. MÜLLER: Heinrich Schütz. Gesammelte Briefe und Schriften, Regensburg o. J. (1930), S. 37 - 38]

übersetzte Vorrede

An den durchlauchtigsten Fürsten und Herren,
Herrn Landgrafen Moritz von Hessen, Grafen von Catzenelenbogen, Dietz, Zigenhain und Nidda etc.
Mein allergnädigster Fürst und Herr!

Eure durchlauchtigste Hoheit gleicht einem Meer, ich weiß nicht, ob ich sagen soll der Tugend oder lieber der Freigebigkeit, die eines so hohen Fürsten wohl würdig ist und mich drängt, von ihr zu singen. Es genügt mir, sie dadurch zu erkennen, daß ich sehe, wie sie die Erde mit Eurem Hohen Namen bewässert, indem sie durch alle Teile der Welt Ströme des Glücks fließen läßt, damit sie zu ihr zurückkehren als ergebene Nebenflüsse von der Art, wie sie ihren Flußbetten zu entströmen pflegen. Ich schätze mich glücklich, daß auch ich unter diese gerechnet werde, und zwar um so mehr, als ich von Eurem Hofe, wo ich durch Eure Milde vom zarten Alter an aufgezogen worden bin und wo es mir insonderheit zuteil wurde, nach Italien zu reisen und mich dort mit jener Welle zu vermischen, die, durch ihr Murmeln mehr als jede andere der himmlischen Harmonie gleichend, ganz Italien ergötzt - ich meine den hochberühmten Gabrieli; sie ließ mich teilhaben vom Gold an ihren Ufern, die so reich sind an dieser Art des Studiums, daß man darum gewiß weder den Tajo noch den Paktolus beneiden kann. So möge denn Euere Hoheit, die kleine Gabe der Dankbarkeit nicht verschmähen, die gleichwohl eine tiefe Ergebenheit bekundet, diese meine ersten Madrigale, die ich Ihr darbringe, entschlossen, eines Tages in Ihr Meer einzumünden (möge Gott mir diese Gnade schenken), nicht als ein einzelner Fluß, sondern als ein Ozean an Ergebenheit, der sich vereinen soll mit der Tiefe Eurer fürstlichen Freigebigkeit, welcher ich mich schließlich selbst ganz und gar weihe und widme.

Venedig, am 1. Mai 1611.
Euer durchlauchtigster Hoheit sehr verbundener
und ergebener Diener

Heinrich Schütz.

(aus: Krause-Graumnitz, Heinz: Heinrich Schütz. Sein Leben im Werk und in den Dokumenten seiner Zeit, 2 Bde., Leipzig 1985, S. 52f.)

Quellenangaben Sound

Heinrich Schütz: Madrigaux Italiens, Concerto Vocale, René Jacobs, Harmonia mundi France, 1985, davon: 1.-18. Madrigal

Quellenangaben Noten

Heinrich Schütz: Die Neunzehn italienischen Madrigale (Venedig 1611). Neue Ausgabe sämtlicher Werke, Bärenreiter, Hans Joachim Moser, Kassel, 1962

Heinrich Schütz: Italienische Madrigale. Unveränd. Nachdruck d. Ausg. Sämtlicher Werke von 1885 ff., Breitkopf & Härtel, Philipp Spitta, Leipzig/Wiesbaden, 1971

Quellenangaben Bild

Porträt, Landgraf Moritz von Hessen, Kupferstich, W. Kilian, Archiv Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz, um 1620

Titelbild, Il primo libro, Druckfaksimile, Archiv Heinrich-Schütz-Haus Bad Köstritz

Quellenangaben Literatur

Martin Gregor-Dellin, Heinrich Schütz. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit, München, 1984

Otto Brodde, Heinrich Schütz. Weg und Werk, Kassel, 1972

Michael Heinemann, Heinrich Schütz und seine Zeit, Laaber, 1993

Heinz Krause-Graumnitz, Heinrich Schütz. Sein Leben im Werk und in den Dokumenten seiner Zeit., 2 Bände, Leipzig, 1985

Christiane Engelbrecht, Art.: Moritz von Hessen, in: MGG 1 Bd. 9, Sp. 584ff., Kassel, 1961

 

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