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Tanzmeistergeige

 

Tanzmeistergeige [Bild 1]

auch Pochette
Tanzmeistergeige, Taschengeige, Pochette (frz. la poche = Tasche, pochette = „kleines Täschchen“),
engl. pocket fiddle, kit (von griech. kithara),
it. sordino. violini piccolo,
span. violin pequeno

 

Bezeichnung:

Tanzmeistergeige [Bild 2]Maistre à Dancer, Ende des 17. Jh., Kupferstich von Nicolas Bonnart

 

Der Namen des Instrumentes leitet sich entweder von der kleinen Form - Taschengeige - oder der Funktion - Instrument der Tanzmeister - ab. Wenn die Tanzmeister, die Tanzlehrer des 17. und 18. Jh., ihre Instrumente nicht benötigten bzw. den Schülern Figuren vortanzten, steckten sie ihre Geigen in schmale lange Taschen ihres Rockschoßes, daher resultiert die Bezeichnung „Taschengeige“ (Überliefert bei Mersenne).

 

Bau:

Die Tanzmeistergeige ist ein kleines Streichinstrument von 21 - 30 cm Länge. Die frühen Instrumente zeigen deutlich, dass die Pochette ein „Nachfahre“ des Rebec ist: Beide weisen einen schmalen bootsförmigen Resonanzkörper auf. Bei der Mehrzahl der Instrumente sind Resonanzkasten, Hals und Wirbelkasten aus einem Stück gefertigt und lediglich die Decke wird aufgeleimt,Tanzmeistergeige [Bild 3] in die zwei nach außen gerichtete c-förmige Schalllöcher eingeschnitten sind. Bei anderen Instrumenten ist der Korpus halbrund oder auch eckig und aus meist fünf Spänen zusammengesetzt. Diese Instrumente besaßen drei Saiten, die in g1 d2 a2 oder a1 e2 h2 gestimnmt waren.

 

Bereits Michael Praetorius im Syntagma musicum II 1619 (vgl. Titelblatt) und Marin Mersenne, 1636, bilden viersaitige Taschengeigen ab.

 

Ab der 2. Hälfte des 17. Jh. wurden auch gitarren-, gamben- oder geigenförmige Instrumente mit meist sehr langen Hälsen gebaut, die vier Saiten aufweisen: g1 d2 a2 e3. Da die Tanzmeistergeigen nicht für das Ensemblespiel gedacht waren, sondern lediglich dem Tanzmeister „zum Ton angeben“ im Unterricht dienten, dürfte die Stimmtonhöhe in der Praxis nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben.

 

Jungfraw beim Tantz, 1601, aus: Der Datzger Frawn und Jungfrawen gebräuchliche Zierheit und Tracht, Holzschnitt von Anton Möller

 

Geschichte:

Studentische Exerzitien im Tanz, 1612
Simon de Passe (?)
Kupferstich nach Cryspin I. de Passe

Tanzmeistergeige [Bild 4]Die Tanzmeistergeige entstand im späten 16. Jh. aus dem Rebec und wurde bis ins 18. Jh. vereinzelt auch noch im 19. Jh. vorwiegend im Tanzunterricht verwendet.

 

Der Tanzmeister kam zum Unterrichten ins Haus, sowohl beim Adel als auch - wie von Crispijn I. de Passe dargestellt - zu Studenten. Hier steht er mit Hut und Violine steht zwischen seinen beiden Tanzschülern, der dritte Schüler - ganz links - wechselt gerade das Schuhwerk.

 

Zwei unterschiedliche Haltungen sind in den Abbildungen erkennbar: Ein Mal wird das Instrument in der „klassischen Geigenhaltung“ gegen den Hals gedrückt gespielt, Tanzmeistergeige [Bild 5]ein anderes Mal presst es der Tanzmeister gegen die Brust. In der Regel spielt der Tanzmeister seine Melodien und Rhythmen nur in der ersten Lage.

 

Zu den „Übungen und Ritterspielen“, die ein angehender Fürst im 17. Jahrhundert zwingend zu praktizieren hatte, wenn er sich als Regierender, vorbildlich bestrebt um „Fleiß und Tugend“, präsentieren wollte, gehörte der noble Tanz. Beispielhaft hat die hohe Wertschätzung des höfischen Tanzes für die Erziehung und Regentschaft von Fürsten die selbst komponierende und kennerhaft musizierende Herzogin Sophie Elisabeth, geborenen Prinzessin zu Mecklenburg-Güstrow (1613 - 1676), in einem Singspiel optisch wir akustisch zum Ausdruck gebracht. (Walter Salmen)

Le Maitre de Danse, 1745
Jaques-Philippe Le Bas, Kupferstich nach Philippe Canot

 

Tanzmeistergeige [Bild 6]

 

Herzogin Sophie Elisabeth, eine Schülerin von Heinrich Schütz, hatte die
Glückwünschende Freudendarstellung zum Geburtstag ihres Gemahls Herzog August zu Braunschweig und Lüneburg (1579 - 1666) am 10. April 1652 verfasst und dazu Musik komponiert. Tanzmeistergeige [Bild 7]Das Bühnenbild zeigt eine Landschaft mit Bäumen, an denen elliptische Bilder befestigt sind. Die Motive spielen auf die Tätigkeiten und Ausbildung des kunstliebenden und gelehrten Fürsten an: seine Studienjahre und sein Rektorat an den Universitäten in Rostock und Tübingen sind im ersten Bild thematisiert, seine Ausbildung im Fechten, Reiten und im Hoftanz folgen, ein Mittel zur Ausbildung von „Wohlanständigkeit“. Für regierende Fürsten mit ihren vielfältigen Verpflichtungen war es unumgänglich, tanzen zu lernen und das Repertoire der Hoftänze zu beherrschen. Familienfeste, Staatsbesuche, Konferenzen oder Friedensfeiern schlossen meist repräsentative Tanzveranstaltungen ein. (Walter Salmen)

 

Noch Leopold Mozart beschreibt die Tanzmeistergeigen in seinem Versuch einer gründlichen Violinschule von 1756: Eine schon fast veraltete Art der Geigen sind die kleinen Sack- oder Spitzgeiglein welche mit 4. oder auch nur mit 3. Seyten bezogen sind. Sie wurden, wegen der Bequemlichkeit sie in den Schubsack zu stecken, gemeiniglich von den Herren Tanzmeistern bey Unterweisung ihrer Lehrlinge gebraucht.

 

Figur aus einer Contrdança, 1760 Kupferstich aus: Joseph Thomas Cabreira: Arte de dançar a' franceza..., Lissabon 1760

Tanzmeistergeige [Bild 8]Viele Tanzmeistergeigen sind in privaten Sammlungen oder in Museen erhalten geblieben. Meist sind sie aus äußerst kostbaren Materialien gefertigt und bestechen durch kunstvolle handwerkliche Ausführung. Sogar im Nachlass von Antonio Stradivari fanden sich Schablonen für den Bau von Pochetten.Tanzmeistergeige [Bild 9]

 

Pochette von Dimanche Drouyn, Paris um 1600

 

Literatur:

John Henry van der Meer: Musikinstrumente. Von der Antike bis zur Gegenwart, München 1983, S. 81ff.
David Munrow: Musikinstrumente des Mittelalters und der Renaissance, Celle, 1980, S. 72ff.
Walter Salmen: Tanz im 17. und 18. Jahrhundert (= Musikgeschichte in Bildern, Band IV,4) Leipzig 1988.
Curt Sachs: Real-Lexikon der Musikinstrumente zugleich ein Polyglossar für das gesamte Instrumentengebiet, 3. unveränderter Nachdruck der Ausgabe Berlin 1913, Hildesheim 1979.
div. Lexika: Grove, Honnegger/Massenkeil, MGG 1 + 2, Riemann, Ruf.
Die Abbildung auf der Titelseite ist aus: Michael Praetorius: Syntagma Musicum II, 1619.